Auf einen Spritz

Freitag, 23. Juli 2021

Venezianische Ruderinnen beklagen Diskriminierung

Seit 1000 Jahren wird in der Lagune von Venedig gerudert. Nicht immer war das eine Domäne der Männer, denn in einer Stadt, die auf Wasser gebaut ist, ruderten selbstverständlich auch die Frauen.

Bei der ersten überlieferten Regatta der Frauen im Jahr 1493 zu Ehren der Herzogin von Mailand im Canal Grande sollen 50 junge Frauen teilgenommen haben. Die historischen Ruderinnen sind in ihren leichten, kurzen Leinenkleidern auf einem Gemälde von Gabriele Bella, das in der Fondazione Querini Stampalia hängt, eindrucksvoll verewigt. Bis zum Untergang der Serenissima am Ende des 18. Jahrhunderts erhielten Männer und Frauen gleiche Siegprämien. Es gab 40 Dukaten für den Sieg, 30 Dukaten für den zweiten Platz, 20 Dukaten für den dritten Platz und 15 Dukaten für den vierten Platz, dazu die auch heute noch gebräuchlichen dreieckigen, roten Wimpel. Die Sieger und Siegerinnen sind darüber hinaus auf Gemälden zu bewundern.

In der Neuzeit nehmen Frauen seit knapp 70 Jahren bei der prestigeträchtigen Regata Storica im Canal Grande teil. Sie ist 8 Kilometer lang und dauert etwa eine halbe Stunde. Wer sie fünfmal hintereinander gewinnt, wird regina del remo oder re del remo, Ruderkönigin oder Ruderkönig. Das heißt aber nicht, dass die Siegprämien bei diesem Rennen gleichmäßig verteilt wären.

In dieser Woche hat die venezianische Stadtregierung einen Antrag abgelehnt, 7.300 Euro in die Hand zu nehmen, um die Prämien bei der wichtigsten Regatta des Jahres anzugleichen. Während der Sieger bei den Männern über 2000 Euro erhält, bekommt die erste Frau nur so viel wie der Vierte bei den Männern, nämlich 1.440 Euro. Fünf Jahre lang hatte man diskutiert innerhalb des Verbandes der Regattaruderer und mit der Stadt. Wenn die Männer 15 % ihrer Prämien abgegeben hätten, wäre ein Gleichklang möglich gewesen. Eine Einigung war jedoch nicht zu erzielen. Begründet wurde das mit fehlenden Haushaltsmitteln. Die Verteilung der Prämien sei nicht Sache der Stadt, sondern des Regattaverbandes. Die Stadt könne nur die Gesamtprämie festlegen. Nach harscher Kritik will der Bürgermeister dies nun ändern.

Früher war Rudern - jedenfalls bei den Männern - ein Profisport. In den 60er Jahren bekam der Sieger der Regata Storica 400.000 Lire, später, als das Casino Sponsor war, sogar noch mehr. Er brauchte nicht zu arbeiten, sondern war in der ganzen Stadt gern gesehener Gast.

Mittwoch, 26. Mai 2021

Warten

Geduld ist gefragt in diesem Zeiten. Wir warten auf wärmeres Wetter, auf das Ende der Pandemie, auf die Rückkehr zur Normalität. In Venedig sieht das Warten anders aus als an anderen Orten der Welt. Es ist pittoresk und fotogen. Wo vertreibt man sich schon die Zeit auf einem Brunnen, der mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel hat?

Obwohl sich die Situation im Vergleich zum letzten Jahr kaum geändert hat, machen die Gondolieri gute Miene zum bösen Spiel. Die Resilienz scheint in der DNA der Venezianer zu liegen. Manchmal zählen sie die Fische, die neuerdings im Kanal schwimmen, manchmal geben sie ihnen Namen. An den Wochenenden sind 100.000 Menschen in der Altstadt, aber dennoch machen nur die wenigsten der Tagesgäste eine Gondelfahrt. Dies ist das Steckenpferd der Touristen aus Übersee, die im Moment noch nicht zu sehen sind. So geht das Hoffen und Warten weiter, auf den Juni, auf den Juli...

Donnerstag, 20. Mai 2021

Der Sound von Venedig

Schon lange hatte ich mir vorgenommen, einmal eine Audiodatei aufzunehmen und die typischen Geräusche Venedigs aufzuzeichnen, die man so sehr vermisst, wenn man nicht hier ist. Das Klatschen der Wellen an die Kaimauer, wenn ein Boot durch einen Kanal fährt, das Kreischen der Möwen und das Leuten der Glocken. Ich setzte mich also gemütlich auf einen Campo, zückte mein Aufnahmegerät und lauschte. Als die Glocken zur Mittagsstunde läuteten, klang noch alles wie gewohnt. Danach wurde aber schnell klar: Eigentlich ist das charakteristische Geräusch das Hundegebell. Gefühlt hat jeder venezianische Haushalt inzwischen mindestens einen Hund, wenn nicht sogar zwei. Hundesitter führen auf Zattere gleich mal sechs bis acht Hunde auf einmal aus, auf den Booten sieht man immer öfter Hunde, je größer das Boot, desto größer auch der vierbeinige Begleiter. Während Katzen aus dem Stadtbild fast vollständig verschwunden sind, boomt die Hundehaltung. In Zeiten des Lockdowns, als die Venezianer ihre Häuser nur für dringende Besorgungen verlassen durften, war der Hund das schlagende Argument für einen Spaziergang um die vier Ecken. Manche vermieteten ihre Hunde an die Nachbarn, damit diese sich auch mal die Füße vertreten konnten. Andere schafften sich einen zweiten Hund an, damit auch der Partner spazieren gehen konnte.

Treffen sich zwei Hundebesitzer, lautet die erste Frage: "maschio o femmina?"...

Samstag, 8. Mai 2021

Versunkene Boote

Unweit von unserem Liegeplatz sind wieder zwei Boote gesunken. Das kommt hier nicht so selten vor. Die Boot laufen mit Regenwasser voll und sinken samt Motor und Tank. Niemand scheint sich darum zu kümmern.

Die Boote sinken aber auch in der Lagune. Gestern waren wir an einer Rettungsaktion beteiligt, als bei starkem Wind und Wellengang ein traditionelles Ruderboot komplett voll Wasser lief. Ein vorbeifahrendes Motorboot kam zu Hilfe und nahm den durchnässten Ruderer an Bord. Etliche Bootsteile schwammen im Wasser herum. Während ein starkes Gewitter aufzog und wir eigentlich schnell in unseren sichern Hafen wollten, näherten wir uns der Unglücksstelle und halfen, die verlorenen Teile einzusammeln: Schuhe, eine forcola und anderes mehr. Zum Glück ging die Havarie glimpflich aus.

Donnerstag, 29. April 2021

Quarantäne in Italien verlängert

Der italienische Gesundheitsminister hat heute per Dekret die Quarantäne-Regelung für Einreisende aus Deutschland und Österreich bis zum 15. Mai verlängert. Es gilt nach wie vor die Quarantäne als fiduziarische Isolation, von der man sich nach 5 Tagen freitesten kann.

Samstag, 17. April 2021

Langsam Lockerungen in Sicht

Die italienische Regierung hat am Freitag einen Stufenplan zur Rückkehr in die Normalität vorgelegt. Nach heftigen Demonstrationen aus den Reihen der Gastronomie sah sich die Regierung in Rom gezwungen, die geplanten Öffnungsschritte gegen den Willen des Gesundheitsministers nach vorne zu verlegen: Nun wird es schon ab dem 26. April 2021 wieder gelbe Zonen geben. Nach den aktuellen Zahlen gehört das Veneto dazu.

Restaurants und Bars dürfen dann bis zum Abend öffnen, soweit sie Gäste im Außenbereich bewirten. Allerdings hilft das nur etwa der Hälfte der Gastronomiebetriebe. Denn 46 % der Restaurants und Bars haben keinen Außenbereich. Für den Markusplatz gilt die Besonderheit, dass nur der Barbetrieb der Traditionslokale im Freien aufgenommen werden kann. Es dürfen dort aber nach einer lokalen Bestimmung keine warmen Speisen serviert werden, was wiederum das Unverständnis der Gastronomen auf den Plan ruft.

Auch Museen können wieder öffnen. Die Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr bleibt dagegen bestehen. Die Mobilität zwischen den Regionen, die zur gelben Zone gehören, ist möglich. Die Grenzen zu anderen Regionen dürfen nur überschritten werden, wenn der Reisende einen sogenannten "Pass" vorlegt. Was das genau ist, bedarf noch der Klärung im Detail. Es wird ein Nachweis einer überstandenen Covid-Erkrankung, eines Testergebnisses oder der beiden Impfungen sein.

Die Strandsaison darf zum 15. Mai beginnen unter strengen Hygiene-Regeln. Was mit den vor Ostern beschlossenen Quarantäne-Regelungen für Reisende aus dem Ausland wird, ist noch nicht erkennbar. Im Moment gelten sie noch bis Ende April. Die Fortgeltung wird wohl auch von den Zahlen in den Nachbarländern abhängen.

Sonntag, 4. April 2021

Buona Pasqua a tutti!

Zu Ostern gibt es einen kleinen Lichtblick. Während heute und morgen noch strenge Lockdown-Regeln in ganz Italien gelten, hellt sich das Licht ab Dienstag auf. Dann werden Venedig und das Veneto wieder Orange sein. Restaurants und Bars dürfen Speisen und Getränke zum Mitnehmen verkaufen, Friseure und Bekleidungsgeschäfte können wieder öffnen. Dies gilt auch für die Schulen. Und ganz besonders wichtig für Venedig: die Freizeitsportler dürfen wieder aufs Wasser. Es kann also in der Lagune wieder gerudert und gesegelt werden. Sofern sich die Zahlen nicht wieder verschlechtern, was wir nicht hoffen, wird es bei dieser Regelung bis Ende des Monats bleiben.

Donnerstag, 25. März 2021

VENEZIA 1600

Venedig feiert Geburtstag, einen Geburtstag, der auch eine Wiedergeburt darstellen soll, nach Hochwasser und Pandemie.

Am 25. März 421 zum Schlag der Mittagsglocke ist nach der Überlieferung der Grundstein für die erste Kirche Venedigs, San Giacomo, auf der Insel Rialto gelegt worden. Das besagt eine der vielen Legenden um die Gründung der Lagunenstadt, die auf dem 45. Breitengrad wie abgezirkelt genau in der Mitte zwischen dem Nordpol und dem Äquator liegt. Natürlich wurde Venedig – genau wie Rom – nicht an einem Tag erbaut, schon gar nicht auf Holzpfählen in einer sumpfigen und malariaverseuchten Lagune. Die Festlandsbewohner suchten Schutz vor den eindringenden Westgoten unter Alarich und vor den Hunnen unter Attila. In Wellen flüchteten sie auf die Inseln. Von Altino nach Torcello, von Treviso nach Rialto und Malamocco, von Padua nach Chioggia, von Aquileia nach Grado.

Venedig hat keine Wurzeln, es entstand angeblich auf himmlische Weisung aus dem Wasser. In einer Chronik (cronica extensa) des Dogen Enrico Dandolo (1192-1205) ist von den zwei Venedig die Rede. Der frühe Gründungsmythos basiert auf der Idee, dass trojanische Flüchtlinge aus der Hauptstadt Aquileia eine Predigt des Evangelisten Markus gehört haben. Er sei auf der Durchreise in der Lagune gewesen und habe einem Engel gelauscht, der ihm prophezeit habe, eine Stadt zu errichten, die seinen Körper beheimaten werde. Das zweite Venedig auf den Strandinseln sei nach der Invasion von Attila erbaut worden von einer enormen Menge von Adligen und Bürgern, die dorthin geflohen seien, wo sie Kastelle, Zitadellen und Dörfer gebaut hätten.

Heute werden um 16 Uhr in allen Kirchen der Stadt die Glocken läuten, ein Zeichen der Hoffnung in dieser schwierigen Zeit…

Freitag, 12. März 2021

Alles auf rot

Nur eine Woche war Venedig in der orangen Zone. Am Montag springt die Corona-Ampel schon wieder auf Rot. Dann werden Schulen geschossen und man kann sich nur noch aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen oder in Notfällen bewegen. Ein bisschen Sport mit Maske im Freien in der Nähe des eigenen Zuhause ist noch drin, viel mehr nicht. Keine Besuche von Freunden und Verwandten. Bei jedem Ortswechsel ist eine Erklärung mit sich zu führen, in der anzugeben ist, warum und wohin man sich bewegt: https://www.interno.gov.it/sites/default/files/2020-10/modello_autodichiarazione_editabile_ottobre_2020.pdf

An Ostern wird die Uhr der Pandemie dann in ganz Italien wieder um ein Jahr zurück gedreht. Für die Osterfeiertage (3. - 5. März) gibt es einen nationalen Lockdown, der nur für die Regionen nicht gilt, die der weißen Zone angehören - wie gegenwärtig das glückliche Sardinien.

Freitag, 5. März 2021

Die Ampel leuchtet orange

Sie hat nur 5 Wochen gedauert, die neue Freiheit in der gelben Zone. Ab Montag sind Venedig und das Veneto wieder orange, das heißt Bars und Restaurants dürfen keine Gäste mehr bewirten und Speisen nur noch zum Mitnehmen verkaufen. Die Museen müssen wieder schließen. Ohne wichtigen Grund darf die eigene Gemeinde nicht verlassen werden.

Der Aperol Spritz hat das Orange der Corona-Ampel vorweg genommen. Es ist offenbar zu viel davon getrunken worden in den letzten Wochen. An den Wochenenden ist der Alkoholverkauf über die (Laden-)Theke in der Altstadt nun ab 15 Uhr verboten. Der berühmte Remèr Saverio Pastor hat den jungen Leuten vorgeschlagen, weniger Spritz zu trinken und mehr rudern zu gehen. Dann könnte Venedig genesen und das Leben auf dem Wasser wieder angekurbelt werden: "più voga e meno spritz".

Montag, 1. März 2021

EIn gutes neues Jahr

"Bon Cao de Ano!" oder "Buon Capodanno!" wünschen sich die traditionsbewussten Venezianer heute, am 1. März.

Im Kalender der Republik Venedig begann das Jahr mit der legendären Stadtgründung am 25. März 421, die selbstverständlich gleichzusetzen war mit der Erschaffung der Welt. Später setzte man den Jahresbeginn auf den 1. März fest, weil das einfacher zu rechnen war. Nach der Einführung des gregorianischen Kalenders im Jahr 1582 gab es die Zählweise, die wir auch heute kennen. Schaut man sich aber die Namen der Monate an, so erkennt man, dass die venezianische Zählung die ursprüngliche ist. Sie stammt noch aus römischer Zeit. Der September ist danach der siebte Monat (Italienisch sette = sieben), der Oktober der achte Monat (otto = acht) usw. bis zum Dezember (dieci = zehn). Erst mit dem Untergang Venedigs Im Jahr 1797 nach dem Sieg Napoleons begann auch dort das Jahr offiziell mit dem 1. Januar.

Gelbe Zone

Sonntag, 31. Januar 2021

Venedig und das Veneto sind ab 1. Februar wieder in der gelben Zone, das heißt Restaurants und Bars dürfen tagsüber öffnen und bis 18.00 Uhr Gäste bewirten. Abends können dann noch Speisen zum Mitnehmen verkauft werden, um 22.00 Uhr gilt aber die nächtliche Ausgangssperre. Die Venezianer haben sich umgestellt. Am Abend daheim isst man nun früher, oft schon um 18.30 Uhr statt erst nach 20.00 Uhr. Besondere Anlässe werden mit einem gemeinsamen Mittagessen im Restaurant gefeiert. Das sei sicherer als eine Feier daheim, wo es keine Hygienekonzepte und keine Luftfilteranlagen gibt.

Dennoch werden nicht alle Restaurants und Bars in Venedig öffnen. Die Gastronomen sind wütend, dass der Beginn der Lockerung auf einen Montag fällt und nicht bereits für das Wochenende ermöglicht wurde. Fünfzig Reservierungen habe er für heute gehabt, sagt Arrigo Cipriani, der legendäre Besitzer von Harry's Bar, die nicht einmal zu Kriegszeiten geschlossen hatte. Natürlich werde Harry’s Bar morgen öffnen, auch ohne Ruhetag, aber unter der Woche erwarte er nur wenige Gäste. Man könnte meinen, das Virus lege am Wochenende für das "berühmteste Lokal der Welt" eine Verschnaufpause ein.

Das Caffè Florian, das gerade bei verschlossenen Türen - aber mit einer Sonderbriefmarke - seinen 300. Geburtstag gefeiert hat, wird weiter pausieren. Für die Einheimischen rentiere es sich nicht. Sie zahlen offensichtlich nicht die Preise, die von den Touristen üblicherweise verlangt werden, sondern kommen allenfalls zur Happy Hour.

Samstag, 21. November 2020

Festa della Madonna della Salute

Der 21. November ist einer der höchsten Feiertage in Venedig, die Festa della Madonna della Salute. Normalerweise ein Volksfest, bei dem die Venezianer zu Tausenden aus allen Richtungen, vor allem aber über die eigens zu diesem Zweck installierte Pontonbrücke, die von Santa Maria del Giglio über den Canal Grande führt, mit ihren Votivkerzen zur Salute-Basilika pilgern. Das imposante Bauwerk, das auf Tausenden von Holzpfählen ruht und mit seinem gewaltigen Treppenaufgang geradezu aus dem Wasser zu kommen scheint, wurde 1630 als Gebet und Dank an die Jungfrau Maria für das Ende der Pest in Auftrag gegeben.

„Der Klimawandel ist die neue Pest“, sagte der Patriarch vor einem Jahr in seinem Gottesdienst, eine gute Woche nach der Hochwasserkatastrophe vom 12. November 2019. Heute sind die Bilder aus dem letzten Jahr mit der wogenden Masse der Pilger kaum zu ertragen. Wir haben schmerzlich erfahren, dass es nicht nur den Klimawandel gibt, sondern eine neue Pandemie, ein grassierendes Virus.

Was wird der Patriarch heute zu seiner Gemeinde sagen?

„In diesem kummervollen Jahr 2020 schauen wir zur Madonna della Salute wie es vor vier Jahrhunderten unsere Vorfahren taten. Sie ist die wahre Kapitänin der Meere und sie wird uns nie allein lassen und weiter wie schon seit vier Jahrhunderten über die Stadt Venedig und alle Männer und Frauen guten Willens wachen.“

Donnerstag, 12. November 2020

Luna

Venedig ist aus dem Wasser geboren und wird von dem Mond und den Gezeiten regiert. Vor einem Jahr stieg das Hochwasser in einer Vollmondnacht auf den zweithöchsten Wert, der jemals gemessen wurde, 187 Zentimeter. Ein kleiner Zyklon näherte sich genau in dem Moment der höchsten astronomischen Flut bei gleichzeitigem Absinken des Luftdrucks auf 987 Millibar. Wie mit einem Staubsauger zog diese Formation den starken Wind und das Meer in die Lagune. Seit dieser Nacht ist in Venedig nichts mehr, wie es war.

Samstag, 7. November 2020

Mission Impossible

Das touristische Venedig ist inzwischen fast völlig zum Stillstand gekommen. Die Caffès auf dem Markusplatz haben geschlossen, ebenso die meisten Hotels, vielleicht bis Weihnachten, vielleicht aber auch bis Ostern. Nur das Taxiboot „Amore“ hat Hochkonjunktur. Schon immer von Filmstars bei ihren Aufenthalten in Venedig gebucht, spielt es nun eine der Hauptrollen bei den Dreharbeiten zu Mission Impossible 7, die unter größten Schwierigkeiten in Venedig stattfinden.

Während des abgebrochenen Karnevals saß die Entourage von Tom Cruise im Hotel Gritti zum ersten Mal fest und die Dreharbeiten zu Mission Impossible 7 wurden zur unmöglichen Mission. Zehn Monate später ein neuer Versuch inmitten der zweiten Welle der Pandemie. Kurz darauf werden mehrere Komparsen und Angehörige der Filmtruppe positiv getestet und wieder müssen die Aufnahmen unterbrochen werden. Nach ein paar Tagen geht es in weiter und Tom Cruise springt in seinem Smoking mit glänzend polierten Schuhen immer wieder auf das Dach des Taxiboots „Amore“, das in der Dunkelheit durch den schmalen Kanal fährt.

Der Höhepunkt wird ein opulentes Fest im Dogenpalast sein, der für die Filmaufnahmen mit modernen Lichtinstallationen angestrahlt wird. Unzählige Kerzen flackern in Windlichtern aus Kristall und weisen den Weg durch die byzantinischen Mosaiken.

Venedig bei Flut

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Am schönsten ist die Lagune bei Flut. Dann fühlt sie sich an wie eine prall gefüllte Wanne, randvoll mit frischem Wasser, das in der Sonne türkis glitzert. Die Wellen kräuseln sich leicht und das Wasser sieht so klar aus, dass man nur schwer der Versuchung widerstehen kann, sich auszuziehen und in die Flut hinein zu springen. Die Gezeiten sind die Lebensversicherung der Lagune. Nur durch ihren Wechsel kann sie im Gleichgewicht bleiben und sich immer wieder erneuern. Sechs Stunden steigt das Wasser, sechs Stunden fällt es.

Die Venezianer sehnen sich auf einmal nach der Flut und wünschen sie sich an jedem Tag des herbstlichen aqua alta mindestens in einer Höhe von 1,30 m über dem Referenzpunkt im Giudecca-Kanal. Dann öffnen sich wie durch ein Wunder die Fluttore des MOSE-Projekts, das die Stadt seit dem 3. Oktober 2020 provisorisch vor dem Hochwasser schützt. Ein pharaonisches Projekt, dass viele Jahre und viele Skandale gebraucht hat, um endlich wahr zu werden.

So wie Moses seine Hand über das Meer reckte und die Wasser teilte, trennen nun die Fluttore das Wasser der Lagune von dem Wasser des Meeres. Die über Jahrhunderte, ja mehr als ein Jahrtausend gequälte Stadt kann Ruhe finden. Am Anfang läuten noch die Sirenen, wenn das Hochwasser droht, auch wenn das MOSE-Projekt funktioniert. Denn es ist nur in der experimentellen Phase. Die Bürger sollen sich noch nicht in Sicherheit wiegen. Sie werden in aller Frühe durch den Warnton der Sirenen geweckt, ziehen ihre Gummistiefel an und rüsten sich für das Schlimmste. Aber schon an drei Tagen ist es nicht eingetreten. Es ist trocken geblieben – überall in der Stadt, auch im Markusdom, der sonst am härtesten getroffen wird. Manch einer will die Gummistiefel nun an den Nagel hängen. Aber es ist noch zu früh. Erst ab der endgültigen Fertigstellung des MOSE-Projekts Ende 2021 wird ein großer Teil der Stadt in Sicherheit sein.

Aber es muss eine Grenze geben, die schwer zu akzeptieren ist für die, die dann nicht profitieren werden. In der provisorischen Phase liegt sie bei 1,30 m, später wird sie bei 1,10 m liegen. Der Markusplatz wird aber schon bei einem Pegelstand von 0,80 m überschwemmt. Es wird also Tage geben, wo nicht allen geholfen werden kann, sondern nur einem Teil Venedigs, seiner Gebäude und seiner Bevölkerung. Neue Projekte müssen her, damit auch der Rest in Sicherheit ist. Zunächst soll das Quartier um den Markusdom gesichert werden - mit einer Erneuerung des Kanalsystems und der Erhöhung des Pflasters an der Kaimauer zur Lagune.

Gondeln schaukeln im Stillstand

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Die Gondolieri erbitten inzwischen einen Obulus für das Fotografieren ihrer Gondeln.

„10 Euro!“, sagt Michele zu mir, als ich vor dem Bacino Orseolo die von der Abendsonne beleuchteten Gondelschwerter ablichten will, die malerisch im Wasser schaukeln. In einem Hut, der auf einem kleinen Hocker liegt, sehe ich schon einige Scheine.

„Gehen die Geschäfte so schlecht?“

„Es ist ein Desaster."

„Bei mir läuft es auch nicht gerade glänzend“, sage ich und halte meine Kamera in die Höhe.

„Dann musst du uns fotografieren und nicht die Kollegen da drüben.“ Er zeigt mit dem Finger auf einige Gondolieri, die vor der kleinen Brücke stehen und sich unterhalten.

„Stellt Euch mal in Pose!“, lache ich und dirigiere sie vor das Schild mit der Aufschrift GONDOLA-SERVICE.

„Du musst uns im Photoshop aber nachbearbeiten, damit wir auf eine Größe kommen", sagt Marco.

„Das ist nicht nötig, Du wirst schon sehen“.

Nach einem Blick auf das Display sind Michele und Marco einverstanden mit dem Ergebnis.

Ich stelle mir vor, dass Michele bestimmt schon im Dienst war, als ich jung war, und er mir sicher mehr als einmal eine Gondelfahrt anbieten wollte: „Gondola Miss?“, habe ich immer noch im Ohr.

Heute läuft das Geschäft mit den Gondeln in Amerika beinahe besser als in Venedig. Die Amerikaner reisen zwar nicht mehr nach Europa. Aber es gibt allein in Kalifornien mindestens 120 Gondeln, die aktiv auf verschiedenen Gewässern gefahren werden. Ein Ruderbauer erzählt mir, dass er nun für die Amerikaner arbeitet, weil die venezianischen Gondolieri in der Krise kaum noch Aufträge zu vergeben haben.

Ein Kamel in Venedig

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Obwohl ich schon unzählige Male in Cannaregio und in der Nähe der Kirche Madonna dell'Orto war, ist mir in diesem Sommer zum ersten Mal das Kamel an der Hauswand eines Palazzos aufgefallen, der dort seinen Wassereingang hat. Natürlich wollte ich wissen, was es damit auf sich hat. Ich fragte einen Freund, der praktisch genau gegenüber arbeitet.

"Das ist der berühmte Palazzo Mastelli del Cammello. Er ist nach dem Kamel an der Fassade benannt und wurde gemeinsam mit anderen Gebäuden von der Familie Mastelli erbaut, die im 12. Jahrhundert aus Morea, der Halbinsel Peloponnes, nach Venedig kam. Es ranken sich viele Legenden um den Palast und die Familie. Angeblich soll das Kamel ein Erkennungszeichen für eine Braut gewesen sein, die den Heiratsantrag eines orientalischen Kaufmanns abgelehnt hatte. Für den Fall, dass sie es sich anders überlegen sollte, gab er ihr auf, nach Venedig zu kommen und nach dem Palast mit dem Kamel zu fragen."

"Ist sie gekommen?"

"Nein, davon ist nichts bekannt. Wir wissen nur von den drei Brüdern der Familie Mastelli: Rioba, Sandi und Alfani, die mit Seide und Gewürzen handelten. Weil sie aus Morea kamen, wurden sie "Mori" genannt und nach ihnen der Campo dei Mori ganz in der Nähe. Leider waren die Brüder der Sage nach keine ehrenhaften Geschäftsleute, sondern sie betrogen ihre Kunden nach Strich und Faden mit schlechter Ware zu horrenden Preisen und machten ein Vermögen damit. Eine Frau, die sich mit dem Betrug nicht abfinden wollte, betete zur heiligen Maria Magdalena, eine Verwünschung auszusprechen. Als Rioba einer Kundin wieder einmal seinen üblichen Spruch aufsagte, <<Möge unser Herr mich in Stein verwandeln, wenn das, was ich sage, nicht wahr ist und dies nicht der beste Stoff von Venedig ist!>>, blieb das nicht ohne Folgen. Rioba und seine Brüder verwandelten sich augenblicklich in Stein. Heute sieht man sie als Statuen an der Fassade des Palasts."

"Warum hat die eine Figur eine schwarze Nase?"

"Das soll Rioba selbst sein. Die Nase hat offenbar die Zeiten nicht überdauert und so wurde sie irgendwann aus Eisen ersetzt. Angeblich soll sie denen Glück bringen, die sie berühren."

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